Dieses Blog durchsuchen

Dienstag, 18. Oktober 2016

Ein verlängertes Wochenende am Edersee

Hallo Ihr Lieben!

In der Zwischenzeit geht es mir ein wenig besser, zumindest kann ich immer mal für einige Minuten am PC sitzen. Und so habe ich in den letzten Tagen immer mal wieder an dem folgenden Artikel geschrieben. Denn den wollte ich gerne noch veröffentlichen, bevor unser Fernweh in Kürze das nächste Mal Futter bekommt.

Also, holt euch einen Tee, Kuschelsocken und macht es euch bequem - der Artikel ist etwas länger geworden...


Ein verlängertes Wochenende am Edersee

Der Plan

Ich hatte euch ja schon erzählt, dass wir zwischendurch noch ein verlängertes Wochenende unterwegs waren. Es war das Wochenende, an dem auch der 3. Oktober war – perfekt, um 3 Nächte zu verreisen.

Wir wollten noch einmal mit unseren Freunden campen und hatten eigentlich gehofft, unser Zelt ein letztes Mal für dieses Jahr nutzen zu können. Da aber die Nächte schon empfindlich kalt waren und wir alle kurz vorher stark erkältet einige Tage umgelegen hatten, entschieden wir uns kurzfristig, eine etwas wärmere Unterkunft zu wählen.

Unsere Freunde sind im Besitz eines tollen Wohnwagens mit allen Raffinessen – zumindest an dem Wohnwagen gemessen, mit dem wir früher, als ich Kind war, gereist sind. Die Technik hat eben auch vor den Wohnwagen nicht Halt gemacht...

Wir suchten deshalb nach einem mietbaren Wohnwagen, möglichst im Raum Edersee. Denn der Edersee ist 1. gut von uns aus zu erreichen und 2. ist der Wasserstand dort derzeit historisch niedrig, was wir gerne sehen wollten.

Es ließ sich ganz gut an, doch dann zögerten wir ein paar Tage zu lange mit unserer Miet-Wohnwagen-Buchung. Und schwupps... alle weg. Da standen wir nun, reisewillig aber ohne Dach über dem Kopf. Und eine Pension bzw. Hotel kam nicht in Frage, wäre ja irgendwie blöd gewesen, die Hälfte auf dem Campingplatz und die andere Hälfte im Hotel. Ich erspare euch das stundenlange hin und her am Telefon (an den Telefonen, besser gesagt, denn wir telefonierten teilweise mit Festnetz und mobil parallel).

Um es kurz zu machen: Wir landeten nach einer sehr kurvenreichen Anreise schließlich auf einem Campingplatz am Edersee. Wir hatten einen Miet-Wohnwagen gefunden, der für uns bereit stand. Und unsere Freunde konnten sich mit ihrem Wagen fast direkt daneben stellen. Wunderbar also!

Wir waren etwas schneller dort als unsere Freunde, da wir keinen Wohnwagen an unserem Auto durch die sich krümmende, windende und sehr an die Alpen erinnernde Straße führen mussten. Was wir dann allerdings sahen, verschlug uns vorerst die Sprache.


Der Campingplatz

Wir erwarteten einen Campingplatz. Vielleicht nicht parzelliert, das wäre ganz nett. Vielleicht ein bisschen freestyle beim einparken und campen, ganz schön. Aber was wir fanden war: ein Bauernhof. Ja, wir fanden einen Bauernhof. Auf dem Hof als erstes ein Misthaufen, pittoresk zu einem spitzen Turm aufgehäuft. Drumherum eine Menge Tiere: Ziegen, vier Esel, einige Pferde mit einer einzigen Kuh, die sich wohl ebenfalls für ein Pferd hielt. Außerdem eine Menge Hühner, die freilaufend das Geschehen kontrollierten. Mit dabei ein Hahn, der es sich – wie es sich für einen Hahn, der was auf sich hält, gehört – nicht nehmen ließ, morgens gegen 5 Uhr den Tag mit lautem Geschrei zu begrüßen. 

Der Empfangsbereich des Campingplatzes, direkt dahinter ist
die Rezeption. Einladend, oder?

Der Campingplatz. In der Mitte der aufgetürmte Misthaufen

Malerische Sammlung alter Lampen am Esel-Stall

Außerdem malerisch in das Bild integriert ein ganzer Haufen alter, rostiger Traktoren und anderes landwirtschaftliches Gefährt. Und mittendrin einige Wohnwagen, weiter unten auch die Dauercamper, die auf keinem ordentlichen Campingplatz fehlen dürfen. Mit Lichterketten rund um den Wohnwagen, die das ganze idyllisch ausleuchten und Zäunchen, hinter denen die Gartenzwerge über das Eigenheim im Grünen wachen.

Der Besitzer des Campingplatzes war nur kurz für ein Gespräch greifbar, das durch eine geschlossene Tür stattfand. Unser Schlüssel sei dort im Schuh (ein großer Holzschuh am Boden) und wir sollen den Zettel im Wagen ausfüllen und ihm einwerfen. Das war das einzige, was wir von ihm je hörten und erfahren konnten. Unser gemieteter Wohnwagen entpuppte sich als die Gartenhütte, um die die Hühner herumliefen. Meine Mutter könnte schwören, dass es sich dabei um die Wiedergeburt der Gartenhütte ihres Großvaters handelt... Wir schüttelten ungläubig die Köpfe und ich schrieb eine Nachricht an unsere Freunde: „das ist unfassbar hier – das glaubt ihr erst, wenn ihr es seht“. Die kamen dann kurze Zeit später an und standen genauso da, wie wir kurz zuvor.

Unsere Gartenhütte. Die Hühner sind gerade anderweitig beschäftigt
und deshalb nicht zu sehen.


Und? Sagt euch das Eulen-Design auch so zu?

Freestyle beim einparken hatten sie dann immerhin, und wirklich ganz in der Nähe unserer romantischen Hütte. Wir bauten noch deren Vorzelt auf, das in den nächsten Tage Dreh- und Angelpunkt unseres Trips werden sollte. Die 5 Kinder fanden es wirklich super. Viele Tiere, Platz ohne Ende, sogar der Spielplatz in Sichtweite. Und zwischen unseren Wagen konnte man Frisbee spielen, ohne das man jemandem im Weg war.

Dieser Traktor befindet sich direkt neben unserer Hütte.
Unserer Kids lieben es! Der Zündschlüssel steckt übrigens noch...
Die Telefonzellen im Hintergrund sind übrigens Spiele- und Bücherschränke



Unsere Aktivitäten und ein neues Hobby

Am nächsten Tag sahen wir uns das „tolle Haus“ an, ein Haus, in dem alles verkehrt herum ist. Wir liefen quasi an der Decke entlang und sahen alles über uns. Sofa, gedeckter Frühstückstisch, Badezimmer, Bett – alles genau falsch herum, den Gesetzen der Schwerkraft trotzend. Unser Fazit: ganz witzig, aber nach einer Viertelstunde waren wir wieder draussen - und dass, obwohl wir uns Zeit gelassen haben. Eine weite Anreise nur dafür lohnt sich definitiv nicht.

das "tolle Haus"
in der Spiegelung seht ihr, wie es richtig aussehen würde. Und erst da
ist mir aufgefallen, dass die Haustür ja im Dach hängt...

Kind an der Decke?
Ja, wenn man das Bild hinterher bearbeitet und dreht...


Vorab hatten wir ein Restaurant direkt nebenan geentert. Wenn man mit 9 Personen ein Restaurant betritt, ist das schon ein Highlight. Das kennen wir von einer Reise mit anderen Freunden nach Österreich. Doch die panischen Blicke, die uns in Österreich stets begrüßten, blieben hier völlig aus. Ich könnte jetzt davon schwärmen, wie locker wir Hessen sind und dass auch eine Bande mit 5 Kindern das hessische Volk völlig unbeeindruckt lässt. Jedoch sei fairerweise dazu erwähnt, dass wir zu diesem Zeitpunkt die einzigen Gäste dort waren. Was jedoch nicht bedeutet, dass wir Hessen nicht trotzdem total relaxt sind! Wir hatten viel Spaß mit der Bedienung, die alles mit fröhlichem Lachen und vielen Späßen entgegen nahm und tatsächlich bei dem riesigen Durcheinander nur eine einzige Pommes-Portion vergessen hat. Hut ab!

so sahen wir es tatsächlich...

... und so sieht es umgekehrt aus!

Den Rest des Tages verbrachten wir mit einem neuen Lieblingshobby von uns: dem Krankenhaus-Testen. Ja, wir haben es uns in den letzten Jahren nach und nach zur Aufgabe gemacht, Krankenhäuser oder auch Arztpraxen an für uns fremden Orten und in fremden Ländern zu testen. Sind die Standards wir bei uns? Wo sind die Unterschiede? Damit es für uns interessant bleibt, überlegen wir uns auch immer eine andere Person und eine andere Krankheit. Diesmal war unsere Kleine dran und sie wählte eine Mittelohrentzündung. Sie hatte das zu Hause schon mal wage angedeutet, dennoch waren wir ein wenig überrascht. Wir wählten spontan den ärztlichen Notdienst im Krankenhaus Korbach. Unser Fazit: Spitze. Kann man weiter empfehlen! Nettes Personal, kaum Wartezeit, schnelle Diagnose. Apotheke wurde auch gleich mit Wegbeschreibung ermittelt und an uns weitergegeben. Danke, Test mit Bravour bestanden!


Das Edersee-Atlantis

Der darauf folgende Tag war ein Sonntag, und wie wir es uns von einem Sonntag wünschen, schien die Sonne. Vom Campingplatz aus war es nicht weit bis zur Brücke Asel. Diese Brücke liegt normalerweise einige Meter unter Wasser und ist nicht sichtbar. Wir konnten jedoch aufgrund des extrem niedrigen, besser gesagt nicht vorhandenen, Wasserstandes sogar unter der Brücke durch laufen. Sehr verrückt! Ein bisschen Wasser fließt quasi pseudo-mäßig noch unter der Brücke durch, damit die Brücke wenigstens noch irgendeinen Sinn hat. Und dann laufen da unterhalb des Wasserspiegels haufenweise Menschen über eine Brücke, die einfach im Nichts auf dem See-Grund steht.

Die Brücke Asel im grünen See. Eigentlich sieht man gar nichts davon.

Die Warnboje ist derzeit nicht nötig und liegt ebenfalls auf dem Trockenen

Das Wasser ist so niedrig, dass wir unter der Brücke durch können!




Die Kinder unter der Brücke sind übrigens meine.
Sie kamen glücklich aber total verschlammt zurück :-)


Die Boote liegen im Gras, sind aber sicherheitshalber noch befestigt, damit sie nicht zu weit raus treiben. Wanderwege führen durch das Sumpfgras, über den Grund des Sees hinweg. Am Ufer erkennt man, wie hoch das Wasser dort eigentlich steht. Im Frühling, wenn der Winter mit Schnee- und Wasserfällen wieder für Nachschub gesorgt hat, wird von alldem nichts mehr zu sehen sein. Weiter im Edersee entlang gibt es alte Gräber, alte Mauerreste etc. zu sehen, das „Edersee-Atlantis“.

ein Boot im Gras


Die Edertalsperre wurde zwischen 1908 und 1914 gebaut, um einem 1904 erlassenen „Wasser- straßengesetz“ Rechnung zu tragen. Der Edersee ist mit 11.8 km² der (flächenmäßig) drittgrößte Stausee Deutschlands. Etwa 900 Menschen mussten ihre Häuser verlassen, ihr Zuhause aufgeben, damit der See geflutet werden konnte. Teilweise wurden die Häuser abgetragen und weiter oben wieder aufgebaut. Teilweise blieben sie aber auch stehen, was man heute noch als Ruinen sehen kann. Dazu gehört auch die immer noch total stabile Aseler Brücke. Sie wurde erst wenige Jahre vor der Flutung gebaut. Trotzdem ist sie nun schon ziemlich alt und steht heute sogar unter Denkmalschutz. Wir haben uns in den bunten Strom Schaulustiger eingereiht und sind auch über die Brücke spaziert. Von dort sind wir noch ein ganzes Stück durch das See-Bett gelaufen, immer wieder vorbei an Booten, die auf Wasser warteten. In einige Wochen könnte das schon wieder vorhanden sein.

wir konnten es natürlich nicht sein lassen...

der Blick von der Brücke Asel ins (fast) trockene See-Bett

da, wo unser Kind sitzt, würde sie normalerweise
zumindest nasse Füße bekommen...


An unserem Abreisetag haben wir noch einen kleinen Umweg an der Sperrmauer vorbei gemacht. Eigentlich wurde die Edertalsperre errichtet, um dem Mittellandkanal genug Wasser zuführen zu können. Jedoch produziert die Wasserkraft nun auch Strom. Am Fuße der Sperrmauer steht das Kraftwerk Hemfurth, außerdem nutzt das Pumpspeicherkraftwerk Waldeck und das Laufwasserkraftwerk Affoldern das aufgestaute Wasser zur Stromerzeugung.

Die Edertalsperre
seht ihr hinten am Ende den Anlegesteg für die Fähre? Im Moment
muss gut zu Fuß sein, wer zur Fähre runter oder hoch
will. Durch das Niedrigwasser ist es extrem steil.

Die Wasserstandsanzeige

Die Edertalsperre



Der Edersee ist heute eine große Freizeitmaschinerie. Von Ausflugsschiffen über Souvenirläden, Sommerrodelbahn, Maislabyrinth, Kletterpark, Baumkronenpfad bis zu vielen Wanderwegen im Nationalpark Kellerwald-Edersee wird der Tourist bedient, bis keine Wünsche mehr offen sind. Und das meine ich durchaus nicht negativ! Doch das Ganze in Hessen, meinem Heimat-Bundesland, das irgendwie in keinem Reisebericht auf den einschlägigen Reiseblogs erwähnt wird – das beeindruckt mich schon etwas. Hessen ist sehenswert, ihr Lieben da draußen! Kommt und schaut es euch an!!

Wir hatten jedenfalls wunderbare Tage zusammen. Haben abends zusammengesessen bis wir alle (Kinder wie Erwachsene) todmüde ins Bett gefallen sind. Haben gespielt bis die Karten glühten. Haben geschlemmt, dass es eine Freude war. Haben gequatscht bis zum umfallen. Und haben vor allem gelacht, das uns die Tränen gelaufen sind. Es war wundervoll! Schön, solche Freunde zu haben. Danke an euch, ihr Lieben!! Und wir freuen uns schon auf das diesjährige Adventswochenende mit euch, wie jedes Jahr!

Seid ihr auch schon mal am Edersee gewesen? Mit Wasser oder ohne? Und was habt ihr dort erlebt?

In diesem Sinne: bleibt reisend!!!

Eure Nina

1 Kommentar:

Herr Bohne vom Land hat gesagt…

Herrlich - die Kuh, die sich für ein Pferd hält und die Klinik, die die richtigen Diagnosen stellt, das kann in der Tat nur noch ein schrulliger Vermieter mit verschlossenen Türen und Schlüssel in Schuhen toppen. Sehr gelacht. Klingt eher wie ein Abenteuertrip nach Timbuktu als nach einem WE am nahen Edersee. Das verrückte Haus steht auch schon lange auf meiner Wunschliste (also das rote, nicht das mit dem Eulenteppich ;)) Herzliche Grüße, Sina